Sogar die Welt der Sinne ist VORraum

Ein solcher für Menschenwege in die Welt des Geistes.  Die Zukunft wird zeigen, dass des Menschen Wege in die geistige Welt so notwendig werden, wie heute das tägliche Brot. Und so auch die Wege des – durch die  Welt des Geistes schöpferisch gewordenen – Menschen  zurück in die gegenständliche Sinnenwelt.


Ein Menschenweg zur Meditation

Verantwortlichkeit für die Welt, in der wir leben, kann sich nicht darin erschöpfen, Gefährdungen durch das eigene Handeln zu vermeiden. So etwa durch weniger Ausstoß des „Klimakillers“ CO2.Denn Verantwortung bedeutet immer Verantwortung für etwas! Und so bedeutet hier Verantwortung für die Welt, in der wir leben, über bloße Vermeidungen hinaus selber für ihre Pflege zu sorgen. Und das hier sogar in einem spirituellen Sinne! Wie aber will denn diese, sich um uns sichtbar, hörbar, tastbar ausbreitende Welt spirituell gepflegt werden?

Diese Welt ist – so die Anthroposophie Rudolf Steiners – aus dem Umkreis einer noch weiteren Welt entstanden, die selbst im Sinne unser gewöhnlichen, gegenständlichen Weltauffassung unsichtbar, unhörbar, untastbar ist. Sie ist aus dieser herausgeboren wie ein Kind aus dem Uterus des mütterlichen Leibes. Oder wie die Lautform eines jeden von uns gesprochenen Wortes aus dem Umkreis der Artikulationsorgane unseres Kehlkopfes und unseres Mundes, also Zunge, Zähne und Lippen. Und sie kann daher ihrer Eigenart gemäß nachhaltig nur aus dem Wissen um diese „über-sinnliche“ Welt, ja aus der tatsächlichen Erkenntnis dieser Welt gepflegt werden.

Sie so zu pflegen, ist Aufgabe der Verantwortlichkeit des Menschen. Einer solchen, die also die Welt um uns nicht weiter technisch zerstört und vergewaltigt, sondern eben in deren „Umraum“ selbst aufsucht, was sie neu erbauen und heilen kann. Und die Methode einer solchen Suche ist die anthroposophische Meditation! Sie setzt den Mut voraus, sich den folgenden drei Fragen zu stellen. Und weiter den Mut, einfach durch energisches Üben eine Antwort auf diese drei Fragen zu suchen:

  • Wie weit gelingt es uns als erstes, indem wir uns auf etwas konzentrieren, was uns in der Welt der Sinne begegnet, von uns selbst loszukommen?
  • Wie weit werden wir zweitens für dessen übersinnlichen Inhalt dadurch empfänglich, dass wir an der Ergänzung der Einseitigkeiten unseres Seelenlebens arbeiten?
  • Und wie weit halten wir zum dritten uns wach, sobald wir uns mit der übersinnlichen Welt des schöpferischen Geistes verbinden?

Eine derartige Praxis des meditativen Arbeitens zeigt uns durch sich selbst, was sie zu einem meditativen Forschen und Erkennen tauglich macht. Denn zu unserer Überraschung wird, was vorher für unser gewöhnliches Bewusstsein eine Summe bloßer Sinnesqualitäten zu sein schienen, für uns nach und nach zu etwas wie ein komplizierter Zusammenhang von „Spiegelbildern“.

Spiegelbilder, in denen sich nicht nur der in der Naturwelt schaffenden Geist spiegelt, sondern im Einzelnen und Konkreten auch der im sozialen, ja karmischen Miteinander der Menschen lebenden Geist. Gerade die einzelnen Sinnesqualitäten erweisen sich so schrittweise als Spiegelbilder einer solchen übersinnlichen Welt im Umkreis der sinnlichen.*

Und auf diese Weise werden wir mit jedem Schritt, den wir in der Erkenntnis machen, dazu vorbereitet, besser und wirksamer sowohl das mannigfaltige Miteinander der Menschen menschenwürdig zu pflegen, als auch für das vielgestaltige Miteinander der Naturwesen Sorge zu tragen. Wir entwickeln einen Sinn dafür, nicht allein für das Menschsein auf Erden, sondern auch für die Wesen zu sorgen, die uns in der tierischen, in der pflanzlichen und in der mineralischen Natur umgeben, indem wir diese neu als Teil von uns selbst, das aber heißt: als „unvollkommene Menschen“ zu begreifen beginnen.

Bochum, 1. Juli 2014 Christof Lindenau

* Vgl. dazu auch Rudolf Steiner in dem Autoreferat seines Vortrages am 8. April 1911 vor dem Philosophenkongress in Bologna (in GA 35)